Neu im Bestand: Modern aus Tradition: 250 Jahre liberales Judentum. Hrsg. von Walter Homolka, Heinz-Peter Katlewski und Hartmut Bomhoff.

 

Zuerst könnte man denken: Ist der Titel dieses Buches nicht ein Widerspruch in sich? Modernes Judentum leben und zugleich der Tradition verpflichtet sein – geht das überhaupt? Dann wird bei der Lektüre deutlich: Das ist kein Widerspruch. Das ist der Kern des liberalen Judentums, und beide Seiten passen sehr gut zusammen!

Die Seite der Tradition, das bedeutet: den Glauben an den einen, unteilbaren G’tt und Schöpfer bewahren, Tora und Talmud studieren, zu Hause und in der Gemeinde den Shabbat halten, die Feste feiern und die jüdische Ethik der Achtung vor dem Leben bewusst gestalten. Die Seite der Moderne wiederum stellt Fragen, die sich gerade heute drängend stellen, und gibt Antworten: Welches ist die Rolle der Frau im Judentum? Wie werden Jungen und Mädchen religiös erzogen? Wer ist jüdisch? Wer gehört heute dem Bund an, der vor mehreren 1000 Jahren geschlossen wurde mit den Kindern Israels?

Veränderung, so beschreibt es das Buch anschaulich, ist schon lange Teil des Judentums. So gibt es zum Beispiel keine Tieropfer mehr, keine Kapitalstrafen, keine Vielehe, keine Sklaverei. Das liberale Judentum aber geht bewusst zusätzliche Schritte der Veränderung: Frauen können das Rabbinat ausüben und Kantorin sein, die Trennung von Männern und Frauen in der Synagoge ist aufgehoben, eine Scheidung hängt nicht mehr vom Ausstellen eines Scheidungsbriefes durch den Mann ab, Mädchen werden Bat Mitzwa genauso wie Jungen Bar Mitzwa.

„Die Reformbewegung in Mitteleuropa vererbt dem liberalen Judentum eine Pionierrolle“, heißt es an einer Stelle des Buches. Wir erfahren vieles über Persönlichkeiten des progressiven Judentums seit dem 18. Jahrhundert: Israel Jacobson zum Beispiel, Abraham Geiger, Ludwig Philippson, Leo Baeck oder Regina Jonas, die 1935 die erste Rabbinerin in Deutschland und weltweit wurde. Sie alle legten neben der Kenntnis des Hebräischen auch Wert auf die gesprochene Landessprache und förderten moderne Bibelübersetzungen.

In einem weiteren Teil des Buches stellt sich uns mit aktuellen Fotos und Texten das heutige religiöse Leben in den progressiven Gemeinden Deutschlands vor. Die Liberale Jüdische Gemeinde Hannover ist mit rund 800 Mitgliedern derzeit die größte dieser Gemeinden!

Herausgeber Prof. Dr. Dr. Walter Homolka ist Rabbiner und Vorsitzender der Union Progressiver Juden in Deutschland. Sein Einsatz über Jahrzehnte hinweg trug maßgeblich zur Institutionalisierung des liberalen Judentums in Deutschland bei. Er lehrt an der School of Jewish Theology der Universität Potsdam und ist Gründer und Direktor des seit 1999 bestehenden Abraham Geiger Kollegs in Berlin, an dem liberale Rabbinerinnen und Rabiner sowie Kantorinnen und Kantoren ausbildet werden. Mitherausgeber Hartmut Bomhoff ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der School of Jewish Theology sowie Redakteur der Zeitschrift Jewish Voice from Germany. Heinz-Peter Katlewski ist Autor und Journalist, unter anderem mit dem Arbeitsschwerpunkt Geschichte und Gegenwart des liberalen Judentums. Das Buch ist schön gestaltet und -auch ohne Vorkenntnisse – sehr gut lesbar.

 

Renate Schwarzbauer

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