Joachim Schnerf, Wir waren eine gute Erfindung.

 
Joachim Schnerf, Wir waren eine gute Erfindung. Roman, Verlag Antje Kunstmann, 2019, 142 Seiten. Aus dem Französischen übersetzt von Nicola Denis.
 
Der junge Autor Joachim Schnerf (geb. 1987) lebt und arbeitet im elsässischen Straßburg, sein Roman hat in Frankreich etliche Literaturauszeichnungen bekommen. Der französische Originaltitel besteht nur aus den zwei Worten „Cette Nuit“ („Diese Nacht“) und bezieht sich auf die zentrale Frage des Pessach-Sederabends: „Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten?“ Wir lernen eine jüdische Familie kennen, die sich wie immer zu Pessach in großer Runde trifft. Aber etwas hat sich seit dem letzten Jahr grundlegend geändert: Sarah ist gestorben – Ehefrau, Mutter zweier Töchter, Großmutter, Schwiegermutter.Jedes Familienmitglied trauert um sie, und jedes trauert anders. Der Roman betrachtet die Situation mit den Augen von Salomon, der 50 Jahre mit Sarah verheiratet war. Am Morgen dieses ersten Sederabends ohne Sarah erwacht er aus schweren Träumen und denkt nach über sein langes Leben, seine Ehe, seine Kinder und Kindeskinder. Und über die unendliche Lücke, die Sarah in ihmhinterlässt. Wir erfahren viel über die Geschichte dieser jüdischen Familie im Elsass, auch über ihre Leiden und Verluste durch die Shoah. Gleichzeitig erleben wir mit, wie sich Salomon immer wieder an die traditionellen Gebete, Speisen, Getränke, Klagen und Lieder des Sederabends erinnert. Joachim Schnerf ist ein genauer und sensibler Erzähler. Sehr gut kann er sich auch in die Gedanken, Pläne und Streitfragen der heranwachsenden Enkelgeneration einfühlen.Für die deutsche Übersetzung wählte der Verlag einen Titel, der vom französischen Original abweicht. Es ist eine Zeile aus einem anrührenden Gedicht des großen israelischen Schriftstellers Jehuda Amichai (geb. 1924 in Würzburg, gest. 2000 in Jerusalem), das Joachim Schnerf dem Roman vorangestellt hat. In diesem Gedicht über eine langjährige Liebe, die der Tod beendete, blickt der noch lebende Partner in Trauer und Dankbarkeit zurück: „Wir waren eine gute Erfindung, eine liebevolle, ein Flugzeug aus Mann und Frau, Flügel und alles…“ Die Lektüre von Joachim Schnerfs Roman könnte daherauch Anreiz sein, einige Werke Jehuda Amichais zu entdecken, die ebenfalls hier in der Bibliothek vorhanden sind.
 
Eine Rezension von Renate Schwarzbauer
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